Mitte Juni war es dann soweit. In zwei Kolonnen marschierten österreichische Streitkräfte los. Von Arbon aus führte der Herzog ein Heer gegen St. Gallen und verwüstete alles Land, ohne sich jedoch an die Belagerung der Stadt zu wagen. Ein Überfall der St. Galler führte zu einem Gefecht bei Rotmonten am 17. Juni, wobei 36 Österreicher erschlagen wurden, darunter etliche von Adel, einer von Klingenberg, von Randegg, von Landenberg und andere. Auch das Banner von Schaffhausen ging dabei verloren. Als der Herzog sein Heer bei Kronbühl in Schlachtordnung aufstellte, hielten sich die St. Galler vorsichtig zurück, zu der angebotenen Schlacht kam es nicht. Darauf trat der Herzog den Rückzug an den Bodensee an.
Am gleichen Tag aber wurde der andere österreichische Heerhaufen, der von Altstätten aus gegen den Paß am Stoß hinaufrückte, von den Appenzellern völlig geschlagen. Die Bergleute überraschten die durch einen langen Aufstieg ermüdeten Ritter und Söldner oberhalb ihrer Grenzschanze, ließen zuerst Felsblöcke den Hang hinunterrollen und warfen sich dann mit ihren Hellebarden auf die Gegner; die österreichischen Bogen- schützen konnten wegen des nassen Wetters ihre Waffen nicht benützen, da sich die Bogensehnen nicht spannen ließen. Nach längerem Kampf kam es zu wilder Flucht den Berg hinunter. Obwohl die Österreicher mit etwa i zoo Mann den Appenzellern um das dreifache überlegen waren, ließen sie 350 Tote auf dem Feld zurück, darunter allein aus der Stadt Winterthur 95, aus Feldkirch 8o Bürger. Die Appenzeller verloren rund 20 Männer, erbeuteten aber 170 Panzerrüstungen und eine Reihe von Bannern. Das war der zweite große Sieg des Appenzellerkrieges, die Schlacht am Stoß, die heute noch jährlich bei der Schlachtkapelle gefeiert wird. In Verbindung mit der Schlacht am Stoß steht der Bericht über den Appenzeller Helden Uli Rotach. Er wurde in seinem Hause allein von einer österreichischen Schar angegriffen, wehrte sich tapfer und tötete einige Gegner. Schließlich wurde sein Haus in Brand gesetzt, und er kam unbesiegt in den Flammen um.
Das Ergebnis der Schlacht am Stoß war eine weitgehende Entmutigung vor allem des Herzogs von Österreich und seiner Helfer, dann aber ein fast märchenhafter Aufstieg der Appenzeller Expansion. Gleich nach dem Sieg erneuerten die Bergleute den Bund mit der Stadt St. Gallen, nahmen die Gemeinden des Rheintals, vor allem die Stadt Altstätten, in ihren Bund auf, den diese gern annahmen, um vor der Feindschaft der gefürchteten Bergbauern sicher zu sein; Rheineck wurde erobert, die dortigen Burgen verbrannt. Dem Grafen von Werdenberg, ihrem Verbündeten, gewannen sie seine Herrschaft zurück; Sargans, das Widerstand leistete, wurde zerstört. Die Burg Werdenberg selbst aber blieb in österreichischer Hand, und Graf Rudolf, der an dem Sieg von Stoß mitbeteiligt war, und dem schließlich nur die Burg Zwingenstein verblieb, ärgerte sich darob so sehr, daß er 1407 sich völlig mit den Appenzellern überwarf und ihnen sogar einen Fehdebrief schickte.
Otto Feger, Geschichte des Bodenseeraumes, Bd. 3, 1981
Denkmal, Kapelle und Wirtschaft
Rasch griffen die Appenzeller über den Rhein. Drei Monate nach der Schlacht am Stoß schloß sich ihnen die Stadt Feldkirch an, die Schattenburg wurde gemeinsam von Appenzellem und Feldkircher Bürgern belagert und erobert. Bludenz folgte, und es entstand unter der Führung von Appenzell und St. Gallen fast auf einen Schlag ein neuer macht- voller und von Tag zu Tag sich weiter ausbreitender Bund, der Neue Bund oder Gemeine Bund oder der Bund ob dem See; dieser letztere Name blieb schließlich. Überall wurden die Bauem aufgerufen, sich diesem Bund anzuschließen, und sie machten freudig mit. Das neue Evangelium von der Freiheit der Bauern gegenüber allen Steuern und Herrschaftspflichten wurde allerseits gern gehört.
Rasch breitete sich der Bund aus, in den Walgau, den Bregenzer Wald, ins Montafon, ins Große Walsertal. Am 16. Oktober schlossen sich die Bauern im Walgau und im Montafon, die Leute von Bludenz, Rankweil, Lustenau, Rheineck und viele andere dem Bund ob dem See an; Feldkirch sollte östlich des Rheins die Führung des Bundes haben. Eine Reihe von Burgen des Adels wurde auch in Vorarlberg durch die Bauern verbrannt, Schellenberg, Blumenegg und andere; die Bürger von Feldkirch zogen gegen die Burg Tosters und zerstörten sie. Schließlich zog eine Schar von Appenzellern sogar über den Arlberg und schloß das Paznaun und das obere Lechtal ihrem Bunde an, ja bis nach Imst im Inntal und bis tief ins Allgäu drangen sie vor, obwohl die versuchte Belagerung von Immenstadt mißlang. »Es war in jenen Tagen ein Lauf in die Bauern gekommen, daß sie alle Appenzeller sein wollten und sich niemand gegen sie kehren mochte«, sagt die Klingenberger Chronik. Auch das Land am Walensee, die March, wurde von den Appenzellern erobert und den Schwyzern geschenkt. Ebenso wurde der Thurgau verwüstet, der Besitz des Adels geplündert; 64 Burgen fielen in die Hand der Appenzeller, davon wurden 30 zerstört.
Schließlich wandten sich die Bauem gegen die Stadt Wil, die sich nach einem schwachen Widerstand von wenigen Tagen ergab; dabei geriet der stolze Abt Kuno von Stoffeln in die Gefangenschaft seiner Gegner. Durch den langen Krieg war er in riesige Schulden geraten; daher mußte er die beiden einzigen Laienbrüder seines Klosters entlassen, weil er sie nicht mehr verpflegen konnte. Nun wurde er unter vielen Schmähungen in sein Kloster zurückgeführt; er verzichtete auf alle Rechte gegenüber den Appenzellern und versprach, ihrem allgemeinen Bundestag zu gehorchen.
Auch die Stadt Wil mußte den Appenzellern huldigen und Heeresfolge versprechen. Die Stadt Bischofszell wurde erobert; ein Versuch, sich der Stadt Frauenfeld zu bemächtigen mißlang. Aber sonst wurde im Thurgau kaum Widerstand gegen die unwiderstehlichen Appenzeller und ihre St. Galler und Schwyzer Verbündeten geleistet. Dem hohen Adel blieb nichts anderes übrig als sich zu fügen, darunter den Grafen von Montfort und von Werdenberg; der mächtigste von ihnen, Graf Friedrich von Toggenburg, mußte es zulassen, daß sein Stammland in den Bund mit den Appenzellern trat, wenn er sich auch durch einen gleichzeitigen Vertrag mit Zürich Rückendeckung verschaffte. Sogar der Herzog von Österreich schloß mit den Appenzellern zu Arbon einen Vertrag auf zwei Jahre, wonach der Bund ob dem See die bisher gewonnenen österreichischen Städte, Burgen und Dörfer vorerst behalten sollte. So großartig und anspruchsvoll der Herzog zuvor aufgetreten war, so schmählich war jetzt sein Zurückweichen vor den Bauern.
Selbst da, wo die Appenzeller nicht unmittelbar beteiligt waren, kam Unruhe unter die Bauernschaft. Im Allgäu, vor allem im oberen Illertal, schlossen sich die Bauern verschiedener Herrschaften zu einer Vereinigung zusammen, brannten die Burgen ihrer Herren nieder und zerstörten ihre Höfe. Eine Reihe von Forderungen und Beschwerden richteten sie an den Bischof von Augsburg. Aber eine Fühlungnahme mit den Appenzellern gelang nicht. Die Allgäuer standen isoliert und waren schließlich froh, als die Seestädte zwischen ihnen und ihren Herren vermittelten. Durch den Vertrag von Isny am 8. September 1406 wurde der Allgäuer Bauernbund aufgelöst, den Beteiligten aber Straffreiheit versprochen; ein günstiges Ergebnis, das nur durch den großen Schrecken verständlich ist, der dem Adel durch die Erfolge der Appenzeller in den Gliedern saß.
Herzog Friedrich blieb auch weiterhin in kleinlichen Dingen groß, mutig dort, wo er nichts riskierte, und zeitweise brutal. Als die Appenzeller auf einem Streifzug die Kyburg eroberten, befürchtete auch die Stadt Winterthur einen Überfall und hat daher die Zürcher um Schutz und Aufnahme ins Bürgerrecht. Darüber wurde Herzog Friedrich so erbost, daß er den Schultheißen der stets treuen Stadt durch seinen Landvogt zu Andelfingen ergreifen und in der Thur ertränken ließ.
Otto Feger, Geschichte des Bodenseeraumes, Bd. 3, 1981